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Im
angelsächsischen Raum gibt’s das schon lange, in Frankfurt
immerhin auch schon seit zehn Jahren und nun auch endlich einmal in
Wiesbaden: Ein „Singalong“, eine Aufführung zum
Mitsingen also, bei der es kein Publikum gibt, sondern nur einen
großen Chor. Orchester, Dirigent und Solisten werden vom
Veranstalter gestellt, Noten muss jeder Sänger selbst mitbringen.
Hilfreich ist es natürlich auch, wenn einem das Werk nicht ganz
fremd ist. Doch das „W. O.“, wie das Bach’sche
Weihnachtsoratorium von Vokal-Insidern genannt wird, dürfte an
kaum einem größeren Chor vorbeigegangen sein. Also ist es
das beliebteste Werk für einen weihnachtlichen
„Singalong“.
Das dachte sich auch Roman Twardy, Leiter des Wiesbadener Knabenchores,
der schon lange einmal eine solche Aufführung in der hessischen
Landeshauptstadt aufziehen wollte. „Ich war überzeugt, dass
es funktioniert“, sagt Twardy am Ende des Premierenabends
zufrieden. |
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In
der Bierstadter Kirche wurde Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt
- als „Singalong“ unter Beteiligung des Publikums.
Foto: wita/Stotz
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Zahlreiche Teilnehmer
Und
funktioniert hat es in der Tat: Die Kirche St. Birgid in Bierstadt ist
so gut besucht wie an Heiligabend, als ich mit meinem Klavierauszug
unterm Arm um kurz vor acht eintreffe. Getrennt nach Stimmen sitzen die
Sänger im Kirchenraum, auch ein paar Zuhörer ohne Noten haben
sich doch eingefunden - in Frankfurt ist man strenger, dort wird
tatsächlich nur Besuchern mit Noten Einlass gewährt.
Roman Twardy hat die jungen Sänger seines Knabenchors in
strategische Positionen gesetzt. „Wir sollen die Leute
mitreißen“, verkünden Luca und Leo, zwei Knaben aus
dem Sopran, elf und zwölf Jahre alt. Zweimal haben sie das W. O.
vorher noch durchgesungen, „wir können das ja schon“,
sagen die Buben selbstbewusst. Heute ist auch mal keine festliche
Chorkleidung für die Jungs angesagt, Bach in Jeans - eine ganz
neue Erfahrung.
Auch für mich, die ich das W. O. gerade erst am dritten Advent mit
der Flörsheimer Kantorei gesungen habe, dort
selbstverständlich in feierlichem Schwarz, mit Lampenfieber und
hohen Absätzen inklusive. Hier darf ich jetzt alles, was dort
nicht erlaubt war: Im Sitzen singen, auch mal zwischendurch ungehemmt
in die Dose mit den Hustenbonbons greifen, mit dem Fuß wippen und
vor allem: freundlich lächeln.
Denn fröhliche Mienen - getreu der ersten Worte der
Bach’schen Komposition, die da lauten „Jauchzet,
frohlocket!“ - gibt es an diesem Abend überall. Das
strahlendste Lächeln kommt vom Dirigenten persönlich, der
schon von der ersten Sekunde an das Publikum und den Chor mit extrem
motivierender Ausstrahlung im Griff hat.
Mit einem raffiniert angetäuschten Start testet Roman Twardy, ob
die Sänger auf ihn hören, und es funktioniert. Also kann er
getrost noch ein kleines Einsingen zelebrieren, bevor die
Hundertschaften Männer und Frauen mit Jauchzen und Frohlocken
loslegen.
Dass hier keine Anfänger am Werk sind, ist offensichtlich: Neben
mir sitzen mehrere Mitglieder der Rüsselsheimer Kantorei, vor mir
eine Altistin vom Chor der Stadt Wiesbaden und auf der anderen Seite
gut gelaunter Besuch aus dem Ruhrgebiet: Dorothea Letzner aus Essen ist
zu Gast bei ihrer Verwandtschaft, sah das Plakat für den
„Singalong“ - „da musste ich unbedingt dabei
sein“, sagt die Altistin, die das Werk gut kennt und
erzählt, dass in ihrer Heimatstadt solche Veranstaltungen mit
großem Erfolg durchgeführt werden. „Auch für
Kinder“, sagt Letzner, und erzählt von schönen Abenden
in der Philharmonie Essen.
Sehr
gut gelaunt sind auch die vier Solisten auf dem Podium: Marina
Russmann, Gert Hohmann, Christian Glosemeyer und Johannes Hill geben
ihr Bestes, auch wenn es für sie bestimmt äußerst
ungewohnt ist, dass das Publikum sich hier in der Kirche sogar
gemeinsam mit ihnen in den Arien versuchen darf.
Alle sind begeistert
Wen ich auch frage, alle sind begeistert: Pfarrer Peter Boucsein aus
dem Schelmengraben, der mit geliehener Partitur im Bass mitsingt und
sich als Fan der großen Freude zu erkennen gibt, die sich in der
Bach’schen Musik manifestiert. Oboist Karl-Heinz Broske aus dem
Orchester, der überhaupt nicht wusste, was ihn beim
„Singalong“ erwarten würde und nun tief beeindruckt
ist von der Musikalität der Mitsänger. Und natürlich
Roman Twardy selbst, der den Abend schon als Beginn einer neuen
Wiesbadener Tradition sieht und sich freut, Mitglieder vom
Marktkirchenchor, aus der Schiersteiner Kantorei und vom Bachchor - und
nicht zuletzt auch vom Chor der gastgebenden Gemeinde St. Birgid -
unter den Mitwirkenden gesichtet zu haben. Und der ganz offensichtlich
einen Volltreffer für Wiesbadens Chorszene gelandet hat.
© Anja Baumgart-Pietsch, Wiesbadener Kurier 29.12.2011
Der Artikel ist auch im Wiesbadener Tagblatt vom 29.12.2011 veröffentlicht
worden.
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