Noten sind die Eintrittskarte
KULTUR LOKAL „Singalong“ mit Bachs Weihnachtsoratorium in St. Birgid

  Im angelsächsischen Raum gibt’s das schon lange, in Frankfurt immerhin auch schon seit zehn Jahren und nun auch endlich einmal in Wiesbaden: Ein „Singalong“, eine Aufführung zum Mitsingen also, bei der es kein Publikum gibt, sondern nur einen großen Chor. Orchester, Dirigent und Solisten werden vom Veranstalter gestellt, Noten muss jeder Sänger selbst mitbringen. Hilfreich ist es natürlich auch, wenn einem das Werk nicht ganz fremd ist. Doch das „W. O.“, wie das Bach’sche Weihnachtsoratorium von Vokal-Insidern genannt wird, dürfte an kaum einem größeren Chor vorbeigegangen sein. Also ist es das beliebteste Werk für einen weihnachtlichen „Singalong“.

Das dachte sich auch Roman Twardy, Leiter des Wiesbadener Knabenchores, der schon lange einmal eine solche Aufführung in der hessischen Landeshauptstadt aufziehen wollte. „Ich war überzeugt, dass es funktioniert“, sagt Twardy am Ende des Premierenabends zufrieden.

WO Sing-along 2011

 
 

In der Bierstadter Kirche wurde Bachs Weihnachtsoratorium aufgeführt - als „Singalong“ unter Beteiligung des Publikums. 
Foto: wita/Stotz

 

Zahlreiche Teilnehmer

Und funktioniert hat es in der Tat: Die Kirche St. Birgid in Bierstadt ist so gut besucht wie an Heiligabend, als ich mit meinem Klavierauszug unterm Arm um kurz vor acht eintreffe. Getrennt nach Stimmen sitzen die Sänger im Kirchenraum, auch ein paar Zuhörer ohne Noten haben sich doch eingefunden - in Frankfurt ist man strenger, dort wird tatsächlich nur Besuchern mit Noten Einlass gewährt.

Roman Twardy hat die jungen Sänger seines Knabenchors in strategische Positionen gesetzt. „Wir sollen die Leute mitreißen“, verkünden Luca und Leo, zwei Knaben aus dem Sopran, elf und zwölf Jahre alt. Zweimal haben sie das W. O. vorher noch durchgesungen, „wir können das ja schon“, sagen die Buben selbstbewusst. Heute ist auch mal keine festliche Chorkleidung für die Jungs angesagt, Bach in Jeans - eine ganz neue Erfahrung.

Auch für mich, die ich das W. O. gerade erst am dritten Advent mit der Flörsheimer Kantorei gesungen habe, dort selbstverständlich in feierlichem Schwarz, mit Lampenfieber und hohen Absätzen inklusive. Hier darf ich jetzt alles, was dort nicht erlaubt war: Im Sitzen singen, auch mal zwischendurch ungehemmt in die Dose mit den Hustenbonbons greifen, mit dem Fuß wippen und vor allem: freundlich lächeln.

Denn fröhliche Mienen - getreu der ersten Worte der Bach’schen Komposition, die da lauten „Jauchzet, frohlocket!“ - gibt es an diesem Abend überall. Das strahlendste Lächeln kommt vom Dirigenten persönlich, der schon von der ersten Sekunde an das Publikum und den Chor mit extrem motivierender Ausstrahlung im Griff hat.

Mit einem raffiniert angetäuschten Start testet Roman Twardy, ob die Sänger auf ihn hören, und es funktioniert. Also kann er getrost noch ein kleines Einsingen zelebrieren, bevor die Hundertschaften Männer und Frauen mit Jauchzen und Frohlocken loslegen.

Dass hier keine Anfänger am Werk sind, ist offensichtlich: Neben mir sitzen mehrere Mitglieder der Rüsselsheimer Kantorei, vor mir eine Altistin vom Chor der Stadt Wiesbaden und auf der anderen Seite gut gelaunter Besuch aus dem Ruhrgebiet: Dorothea Letzner aus Essen ist zu Gast bei ihrer Verwandtschaft, sah das Plakat für den „Singalong“ - „da musste ich unbedingt dabei sein“, sagt die Altistin, die das Werk gut kennt und erzählt, dass in ihrer Heimatstadt solche Veranstaltungen mit großem Erfolg durchgeführt werden. „Auch für Kinder“, sagt Letzner, und erzählt von schönen Abenden in der Philharmonie Essen.

Sehr gut gelaunt sind auch die vier Solisten auf dem Podium: Marina Russmann, Gert Hohmann, Christian Glosemeyer und Johannes Hill geben ihr Bestes, auch wenn es für sie bestimmt äußerst ungewohnt ist, dass das Publikum sich hier in der Kirche sogar gemeinsam mit ihnen in den Arien versuchen darf.

Alle sind begeistert

Wen ich auch frage, alle sind begeistert: Pfarrer Peter Boucsein aus dem Schelmengraben, der mit geliehener Partitur im Bass mitsingt und sich als Fan der großen Freude zu erkennen gibt, die sich in der Bach’schen Musik manifestiert. Oboist Karl-Heinz Broske aus dem Orchester, der überhaupt nicht wusste, was ihn beim „Singalong“ erwarten würde und nun tief beeindruckt ist von der Musikalität der Mitsänger. Und natürlich Roman Twardy selbst, der den Abend schon als Beginn einer neuen Wiesbadener Tradition sieht und sich freut, Mitglieder vom Marktkirchenchor, aus der Schiersteiner Kantorei und vom Bachchor - und nicht zuletzt auch vom Chor der gastgebenden Gemeinde St. Birgid - unter den Mitwirkenden gesichtet zu haben. Und der ganz offensichtlich einen Volltreffer für Wiesbadens Chorszene gelandet hat.


© Anja Baumgart-Pietsch, Wiesbadener Kurier 29.12.2011

Der Artikel ist auch im Wiesbadener Tagblatt vom 29.12.2011 veröffentlicht worden.